In meiner kindlichen Erinnerung sehe ich das Zimmer deutlich vor mir. Ich weiß nicht, ob es für Besprechungen genutzt wurde, ich habe es eher als eine Art Abstellraum gespeichert: Geigenkoffer, hochgestapelte Stühle, eben für alles, was nicht auf die Bühne und in den Gottesdienstraum gepasst hat, bzw. verstaut werden soll. Eine Wendeltreppe führte aus diesem Raum direkt in den Speisesaal, sodass man – ohne sich in einer Schlange anzustellen – direkt nach unten gelangen konnte. Auf kurzem Dienstweg. Was macht diesen Raum für mich so besonders? Warum schreibe ich darüber?
Nun, in dieser Räumlichkeit hing an der Wand ein großes Bild. Abgebildet war darauf ein Holzbrunnen, aus dem Wasser floss. Helle Farben umrahmten die Szene. Darüber standen folgende Worte:
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Matthäus 11, 28–29)
Jesu Worte zogen mich schon damals an. Mein Blick blieb öfter darauf haften, wenn ich in den Raum schaute. Eigentlich hatte die Kammer nichts Ansehnliches, sondern war eher zweckdienlich. Aber inmitten des „Gerümpels“ hing die Einladung: Komm!
Wie passend, überlege ich heute. Dort wurde so vieles abgelegt. Gewiss gehörte der Raum zu denen, in die man Gottesdienstbesucher nicht unbedingt zuerst führt. Doch jedes Zuhause und auch jedes öffentliche Gebäude braucht Stauraum. Hier war einer, der sogar eine doppelte Funktion hatte. Mal eben etwas abstellen und die Tür wieder hinter sich verschließen. Oder auch schnell nach unten gelangen und das ganz ohne Umwege. Auf kurzem Dienstweg.
Es ist sage und schreibe 20 Jahre her, was ich aus meinem Gedächtnis darüber verschriftliche. Und plötzlich packt mich dieser Fund und ein altes Bild, das vielleicht nicht mehr an dieser Wand hängt, „spricht“ zu mir: „Liane, komm!“
Neugierig schlug ich meine Bibel auf. Jesus war unterwegs. Die Jünger des Johannes möchten wissen, ob er der Messias sei. Jesus zeigt auf, dass er „der Sohn des Menschen ist“. Weherufe über unbußfertige Städte erfolgen. Dann lesen wir von einem Gebet, einem Gespräch mit seinem Vater. Und ohne ein für uns erkennbares „Amen“ erfolgt nun der Aufruf: „Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn das Joch, das ich auferlege, drückt nicht, und die Last, die ich zu tragen gebe, ist leicht.“ (Verse 28–30, NGÜ)
Mit anderen Worten: Bringt mir, was euch erdrückt. Legt eure Plage ab. Ich übernehme sie.
Welche drei herausragenden Plagen deines Alltags kannst du, ohne lange zu überlegen, benennen? Was erdrückt dich (fast)?
Der Frühling ist (meteorologisch betrachtet) da. Ich behaupte, dass ich mich noch nie so sehr auf das Auferstehungsfest gefreut habe. Neues Leben. Auferstehung. Es geht weiter. Die Frühlingssonne und aufsprießende Frühlingsboten locken nach draußen. In den Gärten summt es. Gleichzeitig empfinde ich bei dieser Faszination einen tiefen Schmerz, die allermeiste Zeit all das nicht zu sehen, die Sonnenstrahlen nicht zu spüren, das Vogellied nur aus dem Keller, wo ich wohne, wahrzunehmen, da ich krankheitsbedingt die meiste Zeit drinnen verbringe. Zu ahnen, wie herrlich es draußen vor sich geht, tut weh. Sehr sogar. Die Liebe zur Natur und den Jahreszeiten löst Wehmut aus. Mit allen Fasern sehne ich mich nach Licht und dem Draußensein, nicht mehr hineinzugehen und wortwörtlich nach unten zu müssen.
Was mache ich mit dieser Last? Sie schnürt mir die Kehle zu und bildet einen Kloß in meinem Hals. Vielleicht schüttelst du den Kopf, weil dein Ballast ein ganz anderer ist und viel schwerer wiegt als meiner. Das ist denkbar. Fakt ist: Wir können nicht tragen, was zuweilen auf unseren Schultern ruht.
Und da ist die Einladung Jesu: Komm! Es klingt so einfach, so alltäglich, und ist dennoch so elementar. Machst du „von dem kurzen Dienstweg“ Gebrauch? Direkt – im Bild gesprochen – durch das Vorzimmer Gottes, hinein ins Allerheiligste? Durch Christi vollkommenes Opfer ist das möglich. Bemerkenswert, dass wir nicht einfach nur „abladen“ und dann, wie ein Vogel, beschwingt weiterfliegen. Gott bietet uns etwas an, was zunächst nicht so attraktiv klingt, wie das Angebot, seine Plagen loszuwerden: Ein Joch aufzunehmen! Wirklich?
In der Heiligen Schrift, zum Beispiel in Römer 6,16 lesen wir: „Wisst ihr nicht: Wem ihr euch als Sklaven hingebt, um ihm zu gehorchen, dessen Sklaven seid ihr und müsst ihm gehorchen, es sei der Sünde zum Tode, oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit?“ Du kannst nicht nicht Sklave sein. Du trägst immer ein Joch.
Wenn ich das Joch Christi annehme und mich immer wieder aus Gnade dafür entscheiden darf, „darunter zu bleiben“, demütige ich mich unter die Allmacht Gottes. Ich erkenne seine Souveränität an und bezeuge: „Du bist gut und tust Gutes!“ (Psalm 119, 68a) So kann ich sagen: Herr, ich vertraue dir, auch wenn ich deine Wege nicht verstehe.
Wer das Buch Hiob liest, stellt fest, dass wir nicht den Anspruch erheben dürfen, Gottes Wege nachvollziehen zu können. Jesus ruft uns zu: „Lernt von mir. Werdet so wie ich.“ Und wie ist ER? Ein Diener, demütig, Lasten tragend. Er hielt seine Wange hin, bot seinen Rücken dar: „als er geschmäht wurde, schmähte er nicht wieder, als er litt, drohte er nicht, sondern übergab es dem, der gerecht richtet.“ (1. Petrus 2, 23)
An keiner Stelle sehen wir, dass Jesus Komfortansprüche stellt. Wir haben uns in unserer westlichen Welt an so viel Luxus gewöhnt, dass ein Beschneiden unserer Freiheiten, z.B. durch Krankheit oder andere widrige Umstände für Aufschrei sorgt. Das, was wir für völlig selbstverständlich erachten, war früher und ist in anderen Teilen der Welt auch heute die absolute Ausnahme. Ich weiß, das tröstet nur bedingt. Es geht mir genauso. Das Wissen, dass andere Menschen gar nie den blauen Himmel sehen, lenkt zwar von meiner Situation ab, ersetzt jedoch das Fehlende nicht. Genau hier trifft der Aufruf Jesu ins Schwarze: „Komm!“
Zu lernen bewirkt Dynamik. Ich darf umdenken. Weg von: „Ich, armer Tropf“, hin zu: „Gott, ich will lernen, mich unter deine Hand zu demütigen“. Ich möchte aus der Quelle schöpfen, die nie versiegt. Möchte Erfrischung inmitten des Alltags finden.
„Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen!“ (Vers 29)
Wenn ich mir Christi Sanftmut vor Augen halte, finde ich einen Ansporn, gelassener auf die Umstände zu antworten. Ich darf Wut und Resignation bei Gott abladen und Befreiung aus dem Negativen heraus erfahren. Wie gern möchte ich auf mein Umfeld freundlich reagieren. Das schaffe ich, geplagt und gebeugt, unter der Last nicht. Indem ich sie bei Jesus ablade und sein Joch auf meinen Schultern trage, schon.
Eine herrliche Verheißung folgt: Ruhe finden. Im Englischen heißt es: „and you will find rest for your souls.“ (NIV) Keine kurze Ablenkung, keine Realitätsverzerrung, keine kurze Betäubung oder ein Entfliehen der Wirklichkeit. Ruhe, inmitten des Sturms. Ruhe, inmitten von Not. Ruhe in Gott!
Lasten können unterschiedlicher Art sein: Sünde, von der Gott uns befreien will; Gesetzlichkeit und Perfektionismus, die dich peinigen können; Sorgenberge, Zukunftsängste, die Mühsal des Lebens, Krankheiten u. v. m. Wir müssen nicht wie auf einem Wertstoffhof separieren, sondern dürfen alles zu Jesu Füßen legen. Ich erinnere an die Abstellkammer: An alles, was dort hineingebracht wird. Dinge, die du lieber raussperrst, statt sie in dein Leben reinzulassen. Dinge, die nirgendwo richtig untergebracht zu sein scheinen und stören. Alles bringe IHM. Jesus bezahlte am Kreuz für den Dreck, alles Unheilige, Peinliche, Skandalöse. Deine Sünde macht Gott nicht sprachlos, denn Jesus rief aus: „Es ist vollbracht!“ Du darfst Befreiung und Erlösung erfahren.
Nun verstehe ich den letzten Vers dieser Worte des Herrn noch besser: „Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Vers 30) Natürlich! Das griechische Wort chrēstos bedeutet hier nicht nur „sanft“ im Sinne von „mild“, sondern auch „gut“, „freundlich“, „nützlich“, „angenehm“ oder „passend“. Der Ausdruck „passend“ scheint mir besonders passend! Denn was Gott uns zumutet, ist so anders als der Ballast und die Plage, die uns fertig machen. Seine heilenden Hände, seine Güte und Liebe legen uns ein maßgeschneidertes Joch auf die Schulter.
Bitte versteh mich nicht falsch: Ich meine nicht, dass du deine Last des Lebens tragen kannst oder dies können solltest. Das funktioniert nicht. Wir können es nicht von uns aus.
Doch Jesu Joch, das Joch, des von ihm Lernens, ein Leben in Demut und Sanftmut zu Gottes Ehre zu führen, dazu sind wir durch die Kraft des Heiligen Geistes in der Lage! Dieses Joch kannst du aus Gnade tragen! Und indem du es tust, verherrlicht sich Gott.
„Alles kann ich durch Christus, der mir Kraft und Stärke gibt.“ (Philipper 4, 13, HFA)
„Bei allem, was ihr tut, hütet euch vor Nörgeleien und Rechthaberei. Denn euer Leben soll hell und makellos sein. Dann werdet ihr als Gottes vorbildliche Kinder mitten in dieser verdorbenen und dunklen Welt leuchten wie Sterne in der Nacht.“ (Philipper 2, 14–15)
Dein Umgang mit deinen Herausforderungen (Plagen und Mühsalen) bietet eine Bühne, um als Licht zu leuchten!
Deutlich wird dies zum Beispiel auch durch die Frucht des Heiligen Geistes in Galater 5, 22: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung.“
„Denn wir sind seine Schöpfung, erschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen.“ (Epheser 2, 10)
Ich weiß nicht, mit welcher Erwartung du diesen Text zu lesen begonnen hast. Auch weiß ich nicht, wie es dir jetzt geht. Die Worte aus Matthäus 11, 28–30 sind wortwörtlich alt. Vielleicht auch in deinem Gedächtnis als „weiß ich schon längst“ verbucht. Wie gehst du mit Wahrheiten um, die dich nicht (mehr) auf Anhieb umhauen? Ich laufe Gefahr, sie nicht vollends zu mir sprechen zu lassen. Doch Gottes Heiliger Geist hat mich mit dieser Botschaft neu berührt, gepackt und mein Herz empfänglich für seine Einladung gemacht:
„Komm! Sieh! Erfahre Erquickung. Lade ab, was dich quält. Tausche Ballast gegen Hingabe. Sei bereit zur Selbstaufgabe. Nimm demütig an, was ich dir auferlege, und lebe Sanftmut, entgegen aller Wut und Verzweiflung, die du spürst. Werde ruhig vor mir.“
Danke, Gott!
Ich möchte dir und mir Mut machen, auf kurzem Dienstweg direkt zu Christus zu eilen, der das Leben ist!

Liane Wagner


